Warten auf den Prinzen
- 9. Sept. 2013
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Der preußische General Blücher war außer sich: „Wenn dieser Hund von Zigeuner nicht bald erscheint, so mag das KreuzdonnerwettRussen und Schweden brachten hier Napoleon Bonaparte die entscheidende Niederlage bei, die ihn daer dreinschlagen!“. Gemeint war niemand geringeres als der Kronprinz von Schweden, Jean Baptiste Bernadotte bzw. Karl Johann. Man schrieb den 18. Oktober 1813, den dritten und letzten Tag einer der der furchtbarsten Schlachten der Weltgeschichte.Die Völkerschlacht bei Leipzig vom 16. bis 19.Oktober 1813, die sich in diesem Herbst zum 200. Mal jährt, war die Entscheidungsschlacht der Befreiungskriege. Dabei kämpften die Truppen der Verbündeten Österreich, Preußen, Russland und Schweden gegen die Truppen Napoleon Bonapartes. Mit bis zu 600.000 beteiligten Soldaten war dieser Kampf bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts wahrscheinlich die größte Schlacht der Weltgeschichte. Die verbündeten Heere der Österreicher, Preußen, zu zwang, sich mit der verbliebenen Restarmee und ohne Verbündete aus Deutschland zurückzuziehen. In der Schlacht wurden vermutlich 92.000 getötet oder verwundet, viele weitere Menschen starben in der Folge an Seuchen und Unterversorgung.

Der von Blücher so deftig gescholtene Bernadotte befehligte die sogenannte Nordarmee. Die bestand aus 73.000 Preußen, 29.000 Russen sowie 23.000 Schweden und war mit 125.000 Mann natürlich ein entscheidender Faktor. Dass Bernadotte ihren Einsatz bis zum dritten Schlachttag zurückhielt, erregte also sehr den Unwillen des preußischen Generals. Ohnehin hat er mit diesem Bernadotte noch ein Hühnchen zu rupfen. Denn der hatte wenige Jahre zuvor noch auf der Seite Napoleons gestanden und hatte Blücher und seine verbliebenen 22.000 Mann nach den Schlachten bei Austerlitz und Wagram erfolgreich nach Lübeck verfolgt, wo er ihn gefangen nahm. Es gab also durchaus Gründe, dem Herrn gegenüber etwas misstrauisch zu sein. Geboren am 26. Januar 1763 im französischen Pau, avancierte Bernadotte zum französischen Kriegsminister der Revolutionsarmee und Marschall von Frankreich. Mit Napoleon verband ihn eine Art Hassliebe. Dass sich der Franzose bei der Völkerschlacht auf einmal als Heerführer der anderen Seite wiederfand, ist ein schönes Beispiel für die Irrungen und Wirrungen der europäischen Geschichte. Denn Bernadotte war 1810 zum Thronerben von Schweden gewählt worden – mit ausdrücklicher Zustimmung Napoleons. Wie kam dies? Nun – Schweden war prinzipiell eine Erbmonarchie, doch wenn kein Thronfolger vorhanden war, wandelte es sich zur Wahlmonarchie. Und dieser Fall war eingetreten, nachdem 1809 König Gustav IV. Adolf wegen möglichen Wahnsinns entthront und verbannt worden war. Ein schon älterer, kinderloser Onkel wurde als Karl XIII. neuer König. Als der von ihm adoptierte und zum Nachfolger gewählte Kronprinz Karl August vorzeitig starb, wurde ein neuer Thronerbe gesucht. Die schwedischen Militärs glaubten, Frankreich würde bald Russland angreifen und hofften, dass eine

kriegserfahrene und in der Gunst Napoleons stehende Persönlichkeit als Kronprinz von Schweden Finnland von Russland zurückerobern könnte. Als möglicher Kandidat kam Bernadotte in Frage. Am 21. August wählte der schwedische Reichstag Bernadotte einstimmig zum Kronprinzen von Schweden. Bernadotte nahm den Namen Karl Johann an und konvertierte zum protestantischen Glauben. Die kommenden Jahre führten zu wachsenden Spannungen zwischen Napoleon und Schweden, das sich um eine Politik der Neutralität bemühte. Bernadotte / Karl Johann erwies sich jetzt als loyaler Schwede: Als Napoleon Schwedisch-Pommern widerrechtlich besetzte, nahm Karl Johann Kontakte zu Napoleons Gegnern auf. Und so stand er als Befehlshaber der Nordarmee in den Befreiungskriegen auf der – erfolgreichen – antifranzösischen Seite. Es ist durchaus denkbar, dass sein zögerliches Verhalten in der Schlacht auch der Versuch war, die neuen Untertanen zu schonen. Immerhin war fast die gesamte schwedische Armee involviert (und mit „nur“ 300 Toten kam sie sehr glimpflich davon). Auch eine Zurückhaltung gegenüber den französischen Truppen, deren Marschall er ja nicht lange vorher gewesen war, ist denkbar. Seine Planungen aber trugen unumstritten zum Sieg in der Völkerschlacht bei. Wenige Monate später erreichte er im Kieler Frieden den Anschluss Norwegens, das zu Dänemark gehört hatte und fortan in Personalunion vom schwedischen König regiert wurde. 1818 schließlich wurde der Thronfolger offiziell gekrönt und war bis zu seinem Tod 1844 als Karl XIV. Johann König von Schweden und als Karl III. Johann König von Norwegen. Der Franzose ist also der Ahnherr der heutigen Königsfamilie – König Carl XVI. Gustaf ist der siebte Monarch aus dem Hause Bernadotte - und der Namensgeber der beliebten Haupt- und Flanierstraße „Karl Johan“ in Oslo.






























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